JG Johnston

Gewöhnlich ist dieser erste Konflikt zwischen der Hilfsfunktion im Bewusstsein und ihrer gegensätzlichen Funktion im Unbewussten der Kampf, der in der Analyse stattfindet. Man kann ihn als Vorkonflikt bezeichnen. Der eigentliche Kampf zwischen übergeordneter und untergeordneter Funktion findet erst im Leben statt. – C. G. Jung

 

Wie verhalten sich psychologische Typen zur Individuation – der zentralen Prämisse von C. G. Jungs Analytischer Psychologie? In einer Seminarreihe aus dem Jahr 1925 äußerte sich Jung ausführlich zu dieser Frage. Psychologische Typen stellen auch psychische Gegensätze dar. Der ausgeprägteste Gegensatz besteht zwischen dominantem und inferiorem Typ; sie liefern sich einen so dramatischen Kampf, dass Jung ihn als “Erbitterungskampf” bezeichnete.”

 

Der Knock-down-Kampf
Psychologische Typen wurden allzu oft fälschlicherweise als Mittel zur Kategorisierung von Menschen verstanden. Obwohl Jungs Modell leicht für solche Zwecke verwendet werden kann, liegt seine größere Bedeutung im Verständnis der Gegensätze, die in der menschlichen Psyche wirken.

 

Jung wunderte sich, warum sich so viele Menschen an sein Kapitel 10, eine Beschreibung der Typen, angehängt hatten. Er sagte, dass die Kapitel 2 und 5, die sich mit Gegensätzen und deren Integration befassten, weitaus wichtiger seien.

 

Nun ja, Kapitel 10 ist einfach leichter verständlich und anwendbar. Viele “Persönlichkeitstypen”-Modelle sind daraus entstanden.

 

Jungs Typen sind jedoch keine Persönlichkeitstypen. Vielmehr ist sein Typenkompass ein Mittel, um die Spannung der Gegensätze zu erfassen, die eine wesentliche Voraussetzung für die Individuation darstellen.

 

Eine Person, die beispielsweise auf der intuitiven Seite von Jungs Kompass geboren wurde, könnte als “intuitiver Typ” betrachtet werden. Um jedoch ganz zu werden, muss sie sich diesem “Kampf” mit der gegenüberliegenden Seite des Kompasses stellen und dabei auch der Sinneswahrnehmung eine große Rolle zugestehen.

 

Jemand mit einer angeborenen Intuition erkennt überall Möglichkeiten – sie sind unsichtbar, ungreifbar und rein imaginär. Doch irgendwann muss sie sich den Tatsachen stellen. Sie wird in diesem Spannungsfeld zwischen praktischen Erwägungen und realen Problemen stehen.

 

An diesem Wendepunkt wird sie ihre rationalen Funktionen einsetzen, um sich zu befreien. Dann beginnt der sekundäre Kampf. Das Denken wird viele Wege finden, sie zu befreien, doch das Fühlen mag diese nicht gutheißen. Dieser sekundäre “Kampf, der in der Analyse stattfindet”, wird also auch die Blockade zwischen dominanter und inferiorer Funktion lösen.

 

So verläuft die Individuation, ein Kampf nach dem anderen, während sich das Individuum von einer einseitigen Veranlagung befreit. Ihre Bestimmung ist nicht, ein intuitiver Typ zu sein, sondern ganz zu werden.

 

JG Johnston
Autor von Jungs unverzichtbarem Kompass

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