Extrovertiertes Fühlen: Die sozialen Gaben
JG Johnston
Eine solche gefühlsmäßige Beurteilung ist keinesfalls eine Vortäuschung oder Lüge, sondern lediglich ein Akt der Anpassung. – C. G. Jung
In den letzten vier Artikeln haben wir die vier rezeptiven Typen behandelt. Nun wenden wir uns den von Jung so genannten “rationalen” Typen zu – rational, weil sie mehr tun, als nur bewusste Erfahrungen zu empfangen; sie richten ihre Energie auf eine Art von Ordnung aus. Denken betrachten wir gemeinhin als rational, da es Logik und Analyse anwendet; doch auch das Fühlen ist in Jungs Modell rational. Sein bestimmendes Prinzip ist jedoch nicht die Logik, sondern werteorientiert. Seine Rationalität wird im extrovertierten Fühlen deutlicher. Auf dem Gabenkompass bezeichnen wir das extrovertierte Fühlen als die Sozialen Gaben.
Extrovertiertes Fühlen: Die sozialen Gaben
Extrovertiertes Fühlen orientiert sich an den Gefühlswerten anderer. Die Qualität des Gefühls wird nicht durch innere, sondern durch äußere Werte bestimmt.
“Das Empfinden des Extrovertierten steht immer im Einklang mit den objektiven Werten … es hat sich so weit wie möglich vom subjektiven Faktor gelöst und sich gänzlich dem Einfluss des Objekts untergeordnet” (GW 6, Abs. 595).
Ob es sich bei dem “Objekt” um eine Person, eine Kultur, eine Organisation, eine Tradition, einen Stil, eine Norm oder einen Gegenstand handelt – das extrovertierte Empfinden ist bereit, sich den bereits anerkannten Gefühlen und Werten anzupassen. Entscheidend ist, was anderen bereits gefällt oder missfällt.
“Ich könnte mich zum Beispiel veranlasst fühlen, etwas als ‘schön’ oder ‘gut’ zu bezeichnen, nicht weil ich es aufgrund meines eigenen subjektiven Empfindens als ‘schön’ oder ‘gut’ empfinde, sondern weil es angemessen und politisch geboten ist, es so zu nennen, da ein gegenteiliges Urteil die allgemeine Stimmungslage stören würde” (CW 6, Abs. 595).
Das extrovertierte Fühlen strebt danach, im Einklang mit den Werten der Welt zu leben. Harmonie ist für das Fühlen das, was Ordnung für das Denken ist. Es erreicht Harmonie, indem es die Vorlieben, Normen und Ansichten anderer berücksichtigt. Dadurch wird es zum Träger der vorherrschenden Werte.
Durch die Ausdehnung ihrer Empathie nach außen trägt die extrovertierte Empfindung zum Zusammenhalt des sozialen Zusammenhalts bei. Indem sie sich ständig an die Gefühle anderer anpasst, bestätigt und erhält sie den Status quo von Normen und Traditionen.
“Dieses Gefühl ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass so viele Menschen ins Theater oder zu Konzerten strömen oder in die Kirche gehen, und dies zudem mit angemessener emotionaler Einstellung tun. . . Ohne es wäre ein harmonisches gesellschaftliches Leben unmöglich” (CW 6, Abs. 596).
JG Johnston
Autor von Jungs unentbehrlicher Kompass
2/1/2013
